BEZIEHUNGSKULTUR LEBENEmotionen entstehen durch Beziehungen.

„Der Männerversteher“

Geschrieben am 27. September 2010 um 20:49

Dr. Matthias Stiehler, Psychologischer Berater im Gesundheitsamt Dresden und Mitglied im CIT, ist „Männerversteher“ aus Passion, er hat u.a. die Naumburger Männerworkshops mit geprägt und nun seine Erfahrungen und Einsichten als Mann und mit Männern in einem Buch veröffentlicht. Dr. Hans-Joachim Maaz hat dazu ein Vorwort geschrieben.

Mehr über das Buch und Bestellung: http://www.dermaennerversteher.de
Zur Homepage von Matthias Stiehler: http://www.matthias-stiehler.de


Rezension zu: Matthias Stiehler (2010): Der Männerversteher. Die neuen Leiden des starken Geschlechts, München: Beck, erscheint in: switchboard. Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit. Anfang 2011

Männer, nehmt euch selber ernst!
„Der Männerversteher. Die neuen Leiden des starken Geschlechts“ von Matthias Stiehler

„Frauenversteher“ – das war und ist ein griffiges männliches Schimpfwort für jene Kategorie Mann, die die Wünsche und Ansichten der Frauen über ihre eigenen stellt. „Männerversteher“ hat als Wort dem gegenüber keinerlei Karriere gemacht, schon gar nicht unter Frauen. Matthias Stiehler, Erziehungswissenschaftler, psychologische Berater und engagierter Männerforscher, ist „Der Männerversteher“ im besten Sinne. Er fühlt sich in seinem Buch in die Männer ein und untersucht, was sie ticken macht, worunter sie leiden, wonach sie suchen.

Stiehlers Antworten werden manchem nicht schmecken: kein politisch korrekt durchgegenderten Gewissenbäder für den verunsicherten Mann, keine vulgärfeministische Neu-Formatierung der Patriarchenseele, aber auch keine Instant-Mannwerdung durch initiatorisches Brimborium, keine biologistische Hängematte für die Macho-Macken. Es geht um Selbstentwicklung, das eigenen männliche Wachstum und es geht um die gesellschaftliche Dimension solchen Handelns. Das alles ist nicht billig zu haben, und es braucht Zeit.

Die Kernaussage ist sehr einfach: Männer, nehmt euch endlich ernst! Das beginnt bei dem wohl härtesten statistischen Fakt, den es gibt: der Sterblichkeit. Männer sterben in Deutschland sechs bis sieben Jahre früher als Frauen. Von Natur aus beträgt der Unterschied etwa ein Jahr zu Ungunsten der Männer. Das scheint niemanden zu stören und wird als individuelles Problem der Männer angesehen. Männer unterwerfen sich eben höheren Risiken am Arbeitsplatz und verhalten sich überhaupt mehr selbstschädigend als Frauen. (Das erhellt übrigens der erste deutsche Männergesundheitsbericht vom Oktober 2010, den Stiehler maßgeblich mit beförderte.) Die Lebenserwartung zeigt aber klar die gesellschaftliche Stellung und auch die Benachteiligungen einer Gruppe an. Was ist los mit den Männern?

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert. „Tabuisierte Männlichkeit“ und „Männer in Beziehung“ gehen der schleichenden Entwertung von Männlichkeit in der Gesellschaft nach, ausgehend von der geringeren Lebenserwartung über die falschen Vorstellungen davon, was männlich stark oder schwach sei, über die groben oder feineren Entwertungen im Zuge der feministisch-dekonstruktivistischen Männer-Kritik bis zur Fremd- und Selbstentwertung der Männer in ihren Beziehungen auf der Arbeit, in der Partnerschaft und Familie. Stiehler fordert von den Männer zweierlei: Sich deutlich klarzumachen, was man selbst will. Und diese Position dann offensiv zu vertreten.

Diese einfachen Aussagen rufen jedoch äußerst komplexe Gegenkräfte innerhalb der Männer und in der Gesellschaft hervor. Das Kapitel „Die frühe Not des starken Geschlechts“ differenziert in die Tiefe. Was ein Mann heute ist und kann, hat seine Wurzeln in den frühen Beziehungs-Erfahrungen der Kindheit. Hier spielen die Möglichkeiten und Grenzen der Väter eine Rolle, zentral ist aber die Qualität der primären, der mütterlichen Beziehung zum Jungen. Dabei geht es nicht um all das, was Mütter (und auch Väter) nicht geben können – Begrenzungen sind natürlich – sondern um das Verleugnen mangelhafter Betreuung. Wem die Wahrheit vorenthalten wird, der lernt sich verstellen, wer im Mangel leben musste, der kann süchtig werden, wer bedroht wurde, dem wird das Grundvertrauen zerstört.

Diese Prämissen Stiehlers sind hinreichend durch Ergebnisse der Bindungsforschung, der Hirnforschung und aus der Psychotherapie belegt. Damit also ein Mann besser weiß, was er selbst will und entsprechend in Freiheit handeln kann, ist es gut zu wissen, was ihn als frühkindliches Beziehungsmuster durchzieht, d.h. wo er fremde Wünsche bedienen musste: Mutterversteher, Frauenversteher, Vaterversteher, Chefversteher, „Das ist halt so!“- oder „Da muss ich durch!“-Versteher, Pseudostärke, falsche Anpassung, schwache Selbstfürsorge.

Stiehler will im vierten Kapitel „Den Mann in seiner Mitte finden“, sein Weg ist der nach innen, der Wegweiser ist Selbstwahrnehmung und Selbstgefühl. In vielerlei Beispielen aus seiner Beratungspraxis zeigt der Autor, wie sich Männer im Netz der Anforderungen und Fremdsteuerungen verirren und wie sie sich doch auf den Weg machen können zu einem selbstbestimmteren Leben.

Alle Selbstentwicklung muss letztendlich in partnerschaftliche Beziehungen führen. Wenn sich Männer und Frauen gegenseitig die Schuld geben an ihrer Misere, dann vergiften sie nachhaltig die Beziehungen und verhindern die notwendigen Debatten im privaten wie im gesellschaftlichen Bereich. Stiehler plädiert im letzten Kapitel „Mann selbst“ dafür, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht zu negieren, sondern Wert zu schätzen. Partnerschaft wird damit zur Verhandlungssache im besten Sinne: Es gibt am Ende einer Auseinandersetzung nichts tragfähigeres als einen guten Kompromiss, mit dem beide zufrieden sind. Erich Fromm meinte: „Die Polarität der Geschlechter ist im Verschwinden begriffen, und damit verschwindet auch die erotische Liebe, die auf dieser Polarität beruht.“ In diesem Sinne ist der „Männerversteher“ auch ein Beitrag zur erotischen Kultur. Wo sind die Frauenversteherinnen?

JR / 11. Dezember 2010